Eine Seilbahn auf den Brauhausberg?
- Erschienen amDie Universität Potsdam plant einen neuen Campus auf dem Brauhausberg. Uni-Präsident Oliver Günther brachte zuletzt die Idee einer Seilbahn ins Spiel, um den Campus auf dem „Berg“ besser erreichbar zu machen. Anfang Januar 2026 berichteten unter anderem die MAZ und der RBB darüber. Nach diesem Vorschlag könnte eine Seilbahn vom Potsdamer Hauptbahnhof startend über das Kunsthaus Minsk, den geplanten Campus am ehemaligen Landtagsgebäude und dann zum Telegraphenberg verlaufen.
Eine interessante Idee. Was vielen jedoch nicht bekannt sein dürfte: Herr Günther ist nicht der erste, der diesen Vorschlag unterbreitet.
Acta betreffend die Zahnrad- oder Drahtseilbahn auf den Brauhausberge
In den Beständen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs findet sich eine Akte der Regierung Potsdam (Rep. 2A Regierung Potsdam I V Nr.1762) aus dem Jahr 1903. Sie beginnt mit einem Schreiben von Albert Bopp vom 7. Januar 1903 an den Königlichen Regierungspräsidenten Friedrich von Moltke. Bopp, ehemals Bauleiter und Oberingenieur für die Bahnstrecke von Falkenberg (Elster) nach Beeskow, war freischaffender Ingenieur und hatte sich als erstes großes Projekt eine Zahnrad- oder Drahtseilbahn auf den Brauhausberg in den Kopf gesetzt. Anlass für die Seilbahn-Idee war vermutlich der 1902 abgeschlossene Bau der neuen Preußischen Kriegsschule auf dem Brauhausberg.
In einem äußerst ehrerbietigen Anschreiben erläuterte er sein Vorhaben.
„Euer Hochgeboren bitte ich ganz gehorsamst, mir die Genehmigung zur Vornahme von Vorarbeiten […] hochgeneigst erteilen zu wollen.“
Große Pläne eines Ingenieurs
Albert Bopp hatte für seine geplante Bahnstrecke drei Haltestellen vorgesehen. Die erste Station sollte am damaligen Schützenplatz an der Ecke zur Saarmunder Straße (heute Heinrich-Mann-Allee) liegen. Dort wollte er für den Anfang der Bahn ein Viadukt errichten sowie eine „architektonisch gefällige Empfangshalle“ bauen.
Nach Bopps Vorschlag sollte die Bahn dann neben dem Weg am Brauhausberg (heutige Brauhausbergstraße/Bundesstraße 2) bis zur damaligen Kriegsschule verlaufen. Hier war die zweite Haltestelle geplant. Von dort aus ging es weiter zur Endstation der Bahn beim Observatorium auf dem Telegraphenberg.
Für diese Endstation hatte der Oberingenieur klare Vorstellungen. Nach dem Plan von Albert Bopp sollte dort ein ca. 33 Meter hoher Aussichtsturm im Stil des Schlosses Lichtenstein in Baden-Württemberg entstehen. Der Turm sollte neben einer Treppe mit einem Personenaufzug ausgestattet sein, um Gäste auf eine Aussichtsplattform mit Platz für bis zu 70 Personen zu bringen.
Ein Schreiben an den Kaiser
Der Name des Aussichtsturms sollte „Kaiser-Wilhelm-II.-Turm“ lauten. Dafür schrieb Bopp am 14. Januar 1903 direkt an den „Allerdurchlauchigsten, Großmächtigsten Kaiser und König, Allergnädigsten Kaiser, König und Herr“ Wilhelm II. Auch hier legte er sein Anliegen zum Bau einer Drahtseil- oder Zahnradbahn dar und bat den Kaiser, sowohl den Bau der Bahn als auch die Benennung des geplanten Turms zu genehmigen. Wilhelm II. bekam das Schreiben vermutlich nie zu Gesicht. Es wurde dem preußischen Minister für öffentliche Arbeiten in Berlin vorgelegt, der es urschriftlich zurück an den Potsdamer Regierungspräsidenten senden ließ.
Regierungspräsident Friedrich von Moltke antwortete Albert Bopp am 10. Januar 1903 und wollte wissen, wie die Finanzierung seines Vorhabens realisiert werden solle. Bopp antwortete lediglich, dass einige „Finanzleute“, die ihn von seiner Arbeit bei der Niederlausitzer Eisenbahn kannten, für die Finanzierung sorgen würden.
„Gegen das vorliegende Projekt wird daher entschieden Widerspruch erhoben.“
Albert Bopp hatte sich die Umsetzung seiner Seilbahn vermutlich einfacher vorgestellt, als die Potsdamer Realität zeigen sollte. Tatsächlich schien die Regierung Potsdam zunächst offen für das Vorhaben. Die Beamten fragten jedoch sowohl bei der Königlichen Oberförsterei, der ein Teil des Landes am Brauhausberg gehörte, als auch bei den auf dem Telegraphenberg befindlichen Observatorien nach, ob Bedenken gegen den Bau der Seilbahn bestünden.
Vor allem Letztere hatten zum Nachteil von Albert Bopp etliche Einwände. Der Leiter des Königlichen Meteorologischen Instituts, der Physiker Wilhelm von Bezold, war entschieden gegen den Bau eines Aussichtsturms an der Endhaltestelle der Bahn. Ein solcher würde Beobachtungen des Himmels und der Bewölkung beeinträchtigen.
„Zur Vermeidung von Störungen der magnetischen Instrumente sind elektrische Anlagen zu vermeiden […].“
Außerdem dürfe die Anlage nicht elektrisch betrieben werden, um die Messinstrumente der Observatorien nicht zu beeinflussen. Ferner könne an der Endhaltestelle keine Beleuchtung installiert werden und auch kleinere elektrische Anlagen an der gesamten Bahn dürften nur über kleine geschlossene Stromzufuhren verfügen. Des Weiteren merkte von Bezold an, dass ein Antrieb der Seilbahn mit einer Dampfmaschine nur dann möglich sei, wenn die dazugehörige Maschinerie bei der ersten Haltestelle am Schützenplatz untergebracht würde. Andernfalls könne der Rauch sowohl luftelektrische Messungen als auch optische Beobachtungen behindern. Sogar magnetische Störungen durch die Eisenmassen der Anlage seien nicht auszuschließen.
Auch der Direktor des astrophysikalischen Observatoriums beschwerte sich bei der Regierung Potsdam. Er führte aus, dass Gebäude, die dauerhafte Sammelpunkte für größere Menschenmengen darstellten, mindestens einen Kilometer Abstand von den Observatorien haben müssten.
Aussichtlose Forderungen. Keine Seilbahn für Potsdam
Diese Widerstände waren für den Oberingenieur zu groß. Mit einem letzten Schreiben vom 31. Mai 1903 erklärte Bopp, dass die Realisierung des Projekts aussichtslos erscheine, obwohl nach seiner Aussage der Magistrat der Stadt Potsdam ihm versichert habe, dass sein Vorhaben trotzdem umgesetzt werden könne.
„[…] sehe auch ich […] mein Drahtseilbahnprojekt auf dem Brauhausberg als unausführbar an.“
Doch Albert Bopp hatte bereits ein neues Projekt im Kopf. Er plante nun eine Seilbahn zu den Müggelbergen bei Berlin. Damit wollte er eine Anbindung an die damals dort im Bau befindliche Bismarck-Warthe schaffen. Doch mit dieser Idee verließ Bopp die Zuständigkeit der Regierung Potsdam. Die Akte endet mit dem Vermerk: „Hier besteht kein Interesse an der Bahn nach den Müggelbergen.“
Eine Seilbahn zur Bismarck-Warthe wurde nie gebaut. Auch mit diesem Vorhaben scheint der freischaffende Oberingenieur Albert Bopp gescheitert zu sein.
Der von Bopp 1903 vorgeschlagene Verlauf einer Seilbahn zum Brauhausberg ist jedoch nahezu identisch mit dem Vorschlag von Universitäts-Präsident Oliver Günther. Möglicherweise schafft es diese Seilbahn über die bloße Idee hinaus. Dann würde über 100 Jahre später Albert Bopps Seilbahn in gewisser Weise doch noch ein Teil der Stadt Potsdam werden.
Ein Artikel von Florian Moritz, Auszubildender am Brandenburgischen Landeshauptarchiv
